Schutzsuchende
1. Kamal Pishvand 41 Jahre alt, Mahabad 20 Mehr 1401 20:00 Uhr durch Milizen mit Schrottkugel angeschossen worden Durch die Schrottkugeln habe ich mein linkes Auge verloren. Ich würde verhaftet und bin mit Hinterlegung von Kaution wieder freigelassen worden, damit ich meine Operationen durchführen kann. Seitdem verfolgen sie mich und rufen alle zwei Tage an und fordern, dass ich mich wieder stellen sollte. Im Moment bin ich unter ständiger Beobachtung und bin in ernster Lebensgefahr.
2. Artin Pishvand 15 Jahre alt, Mahabad 21 Aban 1401 In eine Protestkundgebung in Tappeh Ghazi haben sie mich verhaftet und für 10 Tage in Haft genommen. Ich wurde jeden Tag geschlagen und gefoltert. Als sie mich nach 10 Tagen dem Richter vorgeführt haben, konnte ich mit Hinterlegung von Kaution rauskommen. Seitdem leide ich unter Migräne, Epilepsie und Durchfall. Die Ärzte haben in meinen Kopf ein Blutgrinsen festgestellt. Es geht mir seelisch und gesundheitlich überhaupt nicht gut und lebe im permanenten Angstzustand. Ich und meinen Vater sind in ernster Lebensgefahr.
3. Seyed Adnan Hosseini, 25 Jahre alt, Sanandaj, Ich war in einem Team, der jeden Abend in Proteste beteiligt war. Wir wurden von Milizen identifiziert und beobachtet und an einem Abend haben sie uns ein Hinterhalt gestellt. An dem Abend wurde ich von Hüfte aufwärts mit Schrottkugeln getroffen und mein rechtes Auge verloren. Mein Oberkörper ist immer noch voll mit Schrotkugeln. Mein linkes Auge verliert langsam ebenfalls sein Licht. Nachdem ich aus dem Farabikrankenhaus in Teheran wieder entlassen wurde und nach Sanandaj wieder zurückgekehrt war, haben die Milizen mich entführt und eine Woche lang mich schwerst gefoltert. Durch die Folter ist mein linkes Ohr taub geworden und komplett meine Zähne sowie meine Rippen gebrochen. Danach haben sie mich frei gelassen aber gedroht, wenn ich etwas sage, dann werden sie meine Frau und mein 2-jähriger Sohn umbringen. Ich stehe unter ständige Beobachtung und bin in ernster Lebensgefahr.
4. Ali Tahoneh, 34 Jahre alt, Karaj, 31 Shahrivar 1401 Während der 40te Todestag von Hadis Najafi wurde ein Demonstrant durch Schrottkugeln getroffen und lag mit viel Blut auf der Straße. Als ich ihn helfen wollte, haben mich die Milizen festgenommen und auf dem Boden gelegt. Dann haben sie mich erst in die Hände, dann in meinen Kopf und als ich fliehen wollte, haben sie mich in Augen und zum Schluss in den Rücken geschossen. Als ich dann auf dem Boden lag, schlugen sie mich mit Gewährbeine in den Kopf, wodurch mein Schädel auf der linken Seite gebrochen wurde. Ich stellte mich Tot und sie haben mich liegen gelassen. Ich habe einer meiner Augen komplett und das zweite 60% verloren. Nach meinen Operationen haben sie mich wieder identifiziert. Vor einige Wochen haben sie mich wieder gefunden und mich auf der Straße festgenommen und geschlagen, aber konnte dank engagierter Passanten befreit werden. Seitdem lebe ich im Untergrund und verstecke mich. Ich bin in ernster Lebensgefahr.
5. Parsa Ghobadi, 19 Jahre alt, Kermanshah; 30 Aban 1401 Am 40ste Todestag von Sina Naderi, rief ich meine Freunde an und wir trafen uns in der Stadt, um in Proteste teilzunehmen. Ein Basiji war unmittelbar hinter mir und als ich mich umgedreht habe, hat er mich mit Schrottkugeln direkt in den Augen geschossen. Ich konnte nichts sehen und bin trotzdem losgerannt. Sie haben mich aber eingeholt und mit 20 Mann geschlagen. Dann haben sie mich im Auto mitgenommen und irgendwo nochmals mit Schlagstöcken und Elektroschockes geschlagen. Danach haben sie mir eine Zange am Fingernagel gehalten und gedroht, falls ich lüge, dann wurden sie alle meine Nägel ziehen. Sie haben mich gezwungen irgendein Blatt zu unterschreiben (Fingerabdruck genommen). Danach haben sie mich irgendwo aus dem Auto rausgeworfen. Im Moment habe ich Ausreiseverbot, bin unter ständige Beobachtung sowie ständige Drohungen ausgesetzt. Ich wurde auf beiden Augen blind und bin in ernster Lebensgefahr.
6. Mohammad Wakili, 31 Jahre alt, Hamedan, 30 Shahrivar 1401 In eine Protestkundgebung haben sie mich mit Schrottkugeln angeschossen. Ich habe ca. 100 Kugeln abbekommen, und dadurch habe ich einer meiner Augen verloren. Ich bin seit 4 Jahren verheiratet. Ich wurde in dem Krankenhaus identifiziert und nach meiner Entlassung wieder von Miliz unter Druck gesetzt. Es war so schlimm, dass ich von Zuhause weg gehen müsste und lebe jetzt im Untergrund und verstecke mich. Ich bin in ernster Lebensgefahr.
7. Meysam Dehghani Siahaki, 27 Jahre alt, Bandar Abbas, 24, Aban 1401 Um 19:30 Uhr bin ich durch direkten Angriff mit Schrottkugeln angeschossen worden und bin Blut überströmt abgehauen. Engagierte Passanten haben mich ins Krankenhaus gebracht und weil das Krankenhaus unter Beobachtung war, haben sie mich unter einem falschen Namen (Ali Shayesteh) aufgenommen und operiert. Seitdem bin ich unter Beobachtung und lebe im Untergrund. Einer unsere Freunde, wo wir immer zusammen im Proteste Teilgenommen hatten, haben die Milizen vor paar Tagen gefunden und ihm vom Dach eines Hauses runter geschmissen und getötet. Ich lebe ebenfalls in der ständigen Angst und bin in ernster Lebensgefahr.
8. Nazanin Fulladzadeh Kharraji, 16 Jahre alt, Bandar Abbas, 25 Aban 1401 In einer Protestkundgebung haben die Milizen Tränengas geworfen und angefangen zu schießen. Ich wurde auf der linken Seite mit Schrotkugeln getroffen, wobei einer dieser Kugeln hat mein linkes Auge getroffen. Durch Freunde könnten wir fliehen und sie haben mich direkt ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte haben mich abgewiesen und gesagt, dass sie die Kugel nicht entfernen könnten, weil sie durch eine Operation eine Hirnblutung befürchten. Ich habe ständig Schmerzen und kein Arzt kann mir helfen. Ich bin auch dadurch eingeschränkt und nicht mehr in der Lage das Haus zu verlassen.
9. Hossein Naderbeigi, 22 Jahre alt, Karaj, 31.Shahrivar.1401, Am 40ste Todestag von Hadis Najafi war ich noch nicht mal ganz im Friedhof, genauer gesagt 2 km vor dem Friedhof, hat mich einen Basiji auf dem Motorrad erreicht und sich neben mich hingestellt. Er hat mich angeschaut und als ich in ihm Auge geschaut habe hat er mich mit Winchester im Gesicht geschossen und meine beiden Augen wurden verletzt. Seitdem bin ich blind. Ich habe einen sehr schlechten seelischen und gesundheitlichen Zustand, weil alle Ärzte im Iran mich abgewiesen haben.
10. Hossein Noorinikoo, 26 Jahre alt, Tehran 29 Shahrivar 1401, Ich war immer ein Rebell und war gegen mehr als 40 Jahre falsche Regierung und alle Menschenverachtenden Gesetze und Handlungen der islamische Republik Iran. Nur wenige Tage nach Mahsa Amini’s gewaltsamer Tot, am oben genannten Tag, begab mich in die protestierende Menschenmenge auf Boulevard Keshavarz. Wir blockierten die Straße. Die Miliz haben Tränengas eingesetzt. Und in dem ganzen Gefecht, habe ich 5 Schrottkugeln in meinem linken Auge bekommen. Drei oberhalb und zwei unterhalb meines Auges. Ich habe Beschwerde gegen diesen Milizen Organ eingereicht und sie haben mir wortwörtlich gesagt: Wir schmeißen Dich in einen Sack und geben Deine Leiche später Deine Familie ab. Als ich meine medizinischen Unterlagen abholen wollte, haben sie es mir verweigert. Seitdem war ich ständig unter Beobachtung und haben Drohungen erhalten. Ich bzw. Wir, alle Opfer dieses Systems sind lebende Beispiele und werden bis zu dem Tag warten, an dem wir vor Gericht gegen islamisch iranische Regierung aussagen. Ich leide an posttraumatische Störungen und Angstzustände.
11. Yasser Alvandiyani, 34 Jahre alt; Hamedan 29 Shahrivar 1401 während der Protestkundgebungen würde ich, vom rechten Zeh Spitzen bis mein linkes Auge mit Schrottkugeln getroffen. Ich habe mein linkes Auge verloren und kann nur die Helligkeit zwischen Tag und Nacht erkennen. Einige Kugeln sind noch in meinem Körper und können nicht entfernt werden, da es noch größere Gefahren mit sich bringen würde. Ich habe meine Arbeit und mein Atelier verloren. Ich bin ständig unterwegs und verstecke mich vom Geheimdienst. Sie bedrohen mich und ich bin unter großer Lebensgefahr.
12. Ayoub Abdollahi 24 Jahre alt, Saqqez 19 Mehr 1401 Es war kurz nach Mahsa Amini’s gewaltsamer Tot, dass wir wie jeden Abend in der Stadt protestierten. An dem besagten Abend habe ich durch Schrottkugeln in mein rechtes Auge verloren. In dieser Stadt, der Heimatstadt von Mahsa, sind die Sicherheitsvorkehrungen enorm hoch. Wir verletzten sind bekannt und deshalb unter ständiger Beobachtung vom Geheimdienst. Ich lebe in ernster Lebensgefahr.
Alle oben gennannten Personen befinden sich in der akuten Lebensgefahr und benötigen dringend medizinische Versorgung!
Zwei Betroffenen sind minderjährig!
Initiative zur Unterstützung schwerverletzter Iraner*innen, die in Drittstaaten geflohen sind
Wenn Sie die Forderung nach Aufnahme unterstützen wollen
dann erklären Sie Ihre Unterstützung, indem Sie uns dies per Mail an [email protected] mitteilen.
angesichts der dramatischen Situation von Menschen, die bei den Protesten gegen das iranische Regime schwer verletzt worden sind und großenteils ohne die Möglichkeit einer Weiterbehandlung ihrer Wunden in Nachbarstaaten des Iran Zuflucht gefunden haben, möchten wir eine Initiative zur Unterstützung der Betroffenen starten. Ziel ist die Aufnahme der Betroffenen in EU-Staaten zum Zwecke ihrer Weiterbehandlung.
Wir - das sind die Unterzeichner*innen dieses Schreibens, die wir als ehren- oder hauptamtlich Tätige jetzt schon mit Fällen dieser Art und der Not der Betroffenen konfrontiert sind. Verwandte und Unterstützer*innen berichteten uns, wie verzweifelt sie nach Möglichkeiten suchen, eine Weiterbehandlung zu ermöglichen. Oft geht es darum, bleibende Folgen schwerer Verletzungen zu minimieren, nicht selten darum zu verhindern, dass Menschen dauerhaft behindert bleiben oder ihr Augenlicht verlieren. Menschenrechtler*innen sprechen davon, dass das Regime gezielt Blendung als Kriegswaffe einsetze.
Was wissen wir?
Seit Monaten bekämpft das iranische Regime die Protestbewegung mit zunehmender Brutalität. Gegen Demonstrierende werden neben tödlichen Schusswaffen häufig Druckluft- und Schrotgewehre mit unterschiedlichen Projektilen eingesetzt, die ebenfalls tödlich wirken können, zumeist aber zu schweren Verletzungen führen. Es wird häufig gezielt auf die Köpfe Protestierender geschossen, was oft zu schweren Augenverletzungen führt. In vielen Fällen sind die Verletzten Frauen, die bei den Protesten eine zentrale Rolle spielen.
Erstbehandlungen werden durchaus in iranischen Krankenhäusern durchgeführt, wobei die Ärztinnen und Ärzte selbst erhebliche Risiken in Kauf nehmen und bedroht werden. Daneben gibt es informelle Hilfseinrichtungen, die tun, was sie können. Aufwendige Operationen, die erhebliche Risiken beinhalten, sind jedoch meist nicht möglich. Nach den aus der Erstbehandlung Entlassenen suchen die iranischen "Sicherheitskräfte". Sichtbar Verletzte werden z.T. auf offener Straße aufgegriffen.
Wie viele sind wo?
Viele Betroffene haben sich dieser Bedrohung durch die Flucht in Drittstaaten entzogen, in die sie ohne Visum einreisen können. In der Regel finden sie dort keine Möglichkeiten, sich weiterbehandeln zu lassen und die ärztlich dringend indizierten Operationen vornehmen zu lassen. Uns sind Fallmeldungen aus Tadschikistan, Georgien, Armenien, Aserbaidschan und der Türkei bekannt. Die meisten Fälle gibt es offenbar in der Türkei. Einige haben auf eigene Faust EU-Staaten erreicht.
Iranische Oppositionskreise schätzen die Zahl allein der schwer am Auge verletzten Personen auf bis zu Ca. 1000. Wie viele Menschen sich in Drittstaaten aufhalten, lässt sich schwer einschätzen, zumal vielen die Flucht außer Landes (noch) nicht gelungen ist. Wir gehen davon aus, dass es einige Hundert Menschen sind, die dringend auf Hilfe angewiesen sind, die vor Ort kaum geleistet werden kann. Im Hauptaufnahmeland Türkei ist das medizinische System durch die Folgen des schweren Erdbebens auf absehbare Zeit hinaus überlastet, sein Wiederaufbau ein Projekt von unabsehbarer Dauer.
Die Forderung: Was muss passieren?
Wir fordern die EU-Staaten auf, Schwerverletzte mit dringendem Weiterbehandlungsbedarf, insbesondere aus der Türkei, in einem schnellen und unbürokratischen Verfahren aufzunehmen und die adäquate Versorgung der Verletzungen zu ermöglichen. Nur unverzügliches Handeln verhindert, dass Menschen, deren Wunden behandelbar wären, durch eine verzögerte oder unerreichbare Behandlung auf Dauer geschädigt werden, ihr Augenlicht verlieren oder in einigen Fällen sogar sterben könnten. Die Sympathie, die die Staaten der EU gegenüber der iranischen Protestbewegung gezeigt haben, muss die Bereitschaft einschließen, den Opfern konkret zu helfen, wo dies aktuell möglich ist. Ein kleiner Teil der Opfer schafft es ins Ausland, trotz der vielen Risiken und hohen Kosten. Der Großteil der unschuldigen Opfer sitzt weiterhin im Iran mit eingeschränkten Möglichkeiten fest. Diese sind dringend auf Humanitäre Hilfe angewiesen und eine Behandlung im Ausland muss möglich gemacht werden. Ein Humanitäres Visum, welches durch die verschiedenen EU-Botschaften zur Behandlung ausgestellt werden könnte, wäre auch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Wie geht es weiter? Wir möchten den Inhalt dieses Schreibens, mit geringen Änderungen, in Form eines Aufrufes an die Regierungen der EU-Staaten richten und ihn entsprechend publizieren lassen. Wir halten es für wünschenswert, wenn sich möglichst viele Unterzeichner*innen aus dem Spektrum der medizinischen Berufe finden. Zwar ist es nicht allein Sache der Mediziner*innen, für Patientinnen und Patienten das Nötigste zu tun, sondern die Aufgabe aller Engagierten. Aber: Die Stimme der Ärztinnen und Ärzte wiegt schwer - auch in EU-Staaten, die ansonsten zur Aufnahme von Flüchtlingen nicht bereit sind. Natürlich haben wir nichts dagegen, wenn NGOs, Kirchen u.a. die Sache unterstützen, aber die Initialzündung aus diesem Bereich scheint uns sehr wichtig.
Wenn Sie die Forderung nach Aufnahme unterstützen wollen
dann erklären Sie Ihre Unterstützung, indem Sie uns dies per Mail an [email protected] mitteilen.
Wir freuen uns über konstruktive Anregungen zum Aufruftext. Bitte schicken Sie aber keine ToDo-Listen zum Gesamtthema der Unterstützung der iranischen Protestbewegung. Klar ist: Der Aufruf betrifft das Schicksal einer begrenzten Gruppe derer, die Solidarität und Unterstützung benötigen. Ihn mit mehr zu überfrachten würde dazu führen, dass vermutlich gar nichts erreicht wird.
Sollten Ihnen Schicksale von Menschen in Drittstaaten bekannt sein, die in der beschriebenen Situation stecken, dann senden Sie eine kurze Fallschilderung an Behrouz Asadi.
[email protected]
Tel: 01712279232
Adresse:
Haus der Kulturen
Wormser str 201
55130 Mainz
Deutschland
Karl Kopp; Bernd Mesovic; Javad Adineh; Behrouz Asadi